Wenn nicht jetzt, wann dann? - Teil 1

Autor: Matthias Nowak - aktuell:

  • Head of Performance / Fortuna Salzburg
  • Kognitionstrainer für Fußballprofis und Fußball-Talente
  • weltweit Trainerausbilder für kognitives Training im Fußball

In den letzten zehn Jahren wurde eine Vielzahl von Studien über Fußball und die Bedeutung der exekutiven Funktionen veröffentlicht.

Die deutsche Nachwuchsförderung braucht ein grundsätzliches Umdenken!

Diese Studien zeigen, dass eine höhere Ordnung der exekutiven Funktionen in Verbindung mit einer fluiden Kreativität, mit erfolgreichem Verhalten beim Erzielen von Toren und Assists korreliert.

Die Fähigkeit zur einer schnellen und genauen kognitiven Flexibilität, macht den Unterschied zwischen Elitespielern und den Besten der Besten, den Nationalspielern, aus. Allerdings: Die Allerbesten der Besten sind gleichzeitig flexibel und kreativ und das extrem schnell. Und genau hier liegt der große Nachholbedarf in der deutschen Eliteförderung.

Der deutsche Fußball, so die Meinung vieler Experten, hat den Anschluss an die Weltspitze verloren und ich sehe es genauso. Wir brauchen dringend neue Schwerpunkte in der Eliteförderung und ein grundsätzliches Umdenken im deutschen Fußball. Dabei braucht es vor allem viel Mut und keine faulen Kompromisse.

1. Unikate statt Duplikate

Für uns im deutschen Fußball muss es das Ziel sein, dass wir die beste Ausbildung bieten, die es gibt.“ - DFB-Bundestrainer Hansi Flick

Auszug aus einem Interview mit dem Tagesspiegel - Quelle:
Hansi Flick im Interview

Trainingshilfsmittel für Trainer und Vereine

Man kann beklagen, dass die Liga interessante Spieler verliert; man kann mit dem Geld aus England aber auch etwas Vernünftiges anfangen. Was wäre das aus Ihrer Sicht?

Für uns im deutschen Fußball muss es das Ziel sein, dass wir die beste Ausbildung bieten, die es gibt. Finanziell können wir mit England im Moment nicht konkurrieren, aber das eröffnet uns auch Chancen. Ich habe mir das Halbfinale der Youth League mit dem FC Chelsea angeschaut. Chelsea hat eine fantastische U 19, mit acht englischen Spielern im Kader. Aber von den Jungs spielt keiner bei den Profis. Vielleicht wird mal einer eingewechselt. Die Engländer haben genügend talentierte Spieler, aber gerade in dem Alter, in dem es wichtig wäre zu spielen, bekommen sie keine Spielpraxis.

Christian Heidel, der Mainzer Manager, hat gesagt: Es ist doch super, dass die Engländer so viel zahlen – wenn wir das Geld wieder in unsere Jugendarbeit investieren.

Mainz ist in dieser Hinsicht wirklich vorbildlich, sie haben für mich eines der besten Nachwuchsleistungszentren in Deutschland. Ich würde mir wünschen, dass alle Klubs diesem Beispiel folgen. Wir waren in diesem Jahr mit unseren Nachwuchsteams für alle großen Turniere qualifiziert. Das ist top. Aber wir haben auch gesehen: Wenn unsere Mannschaften unter Druck geraten, kann nicht jeder Spieler seine Fähigkeiten zu hundert Prozent auf den Platz bringen. Dann machen wir zu viele Fehler.

Woran liegt das?

Das hat etwas mit Stabilität zu tun, und damit meine ich nicht die defensive Stabilität. Ich meine mentale und kognitive Stabilität. Wir müssen über 90 Minuten mental so frisch, so stabil sein, dass wir die Dinge klar wahrnehmen und den Kopf richtig einsetzen, wenn es darauf ankommt. Wenn ein hoher Favorit gegen einen klaren Außenseiter spielt und der Außenseiter sich am eigenen Strafraum einigelt, muss der Favorit in der Lage sein, seinen Gegner zu überfordern. Dann wird er irgendwann den entscheidenden Fehler machen.

Kann man diese Stabilität trainieren?

Man muss sie trainieren. Die Spieler müssen lernen, mit stressigen Spielsituationen umzugehen. Wir haben uns in der Ausbildung enorm entwickelt. Was die Systeme angeht, sind wir schon sehr weit. Auch das technische Niveau hat sich stark verbessert. Aber gerade in den Bereichen der kognitiven Fähigkeiten und Stressresistenz können unsere Talente noch deutliche Fortschritte machen. Das Thema ist hochspannend und wird von allen Nationen vorangetrieben. Damit können wir nicht warten, bis in drei Jahren die DFB-Akademie steht. Wir müssen jetzt mit den 16-Jährigen beginnen, die können in drei Jahren schon Nationalspieler sein.

Hat Stressresistenz auch etwas mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu tun?

Ganz sicher. Deshalb müssen wir uns wieder mehr um die Basics kümmern: um das Eins-gegen-eins, das Passspiel. Ballan- und -mitnahme, den ersten Kontakt. Wir müssen mit dem Techniktraining schon bei den Zehn- oder Elfjährigen anfangen. Heute ist ein Top-Talent mit 17, 18 schon so weit, dass er bei den Profis spielen kann. Zu meiner Zeit hieß es: Der ist jetzt 20, gib ihm noch mal fünf Jahre.

Sie haben gesagt, dass in den vergangenen Jahren zu viel Wert auf Systeme gelegt wurde und Individualität künftig wieder über dem Team stehen müsse.

Ich habe sogar von Egoismus gesprochen, das war bewusst ein wenig überspitzt. Unsere Spieler in den Leistungszentren können alle einen perfekten Aufsatz über die Spielsysteme schreiben, aber wir müssen sehen, dass sie in den Basics top sind. Wir müssen sie ermuntern, sich spielerisch auszutoben. Ich möchte Spieler haben, deren Stärke das Eins-gegen-eins ist und die sich auch trauen, diese Qualität einzusetzen. Wer es schafft, seinen Gegenspieler auszuspielen, beschert seiner Mannschaft einen Riesenvorteil, weil dann das Gebilde des Gegners zerfällt. Wenn ich jeden Einzelnen besser mache, wird auch die Mannschaft automatisch besser. Mein früherer Trainer Udo Lattek hat immer zu uns gesagt: „Ich mache euch einen Kopf größer.

Bitte lese die Aussagen vom damaligen DFB-Sportdirektor Hansi Flick in Ruhe und gerne auch ein zweites Mal durch. Fällt dir etwas auf?

Mir fallen sehr viele sehr schöne und vor allem wahre Aussagen auf, die ich vorher von deutschen Trainern so in Bezug auf unseren deutschen Nachwuchs in der Deutlichkeit noch nie gehört habe. Doch in vier Aussagen – der heutige Bundestrainer möge mir verzeihen – sehe ich die Dinge anders bzw. braucht es eine Korrektur.

Die beste Ausbildung bieten, die es gibt

Kommen wir zu den vier einzelnen Aussagen:

1.„Für uns im deutschen Fußball muss es das Ziel sein, dass wir die beste Ausbildung bieten, die es gibt.

Ja, Ja und nochmals Ja. Genau damit fängt es an. Und der DFB hat hier seit Anfang 2022 tatsächlich geliefert: Z.B. durch eine komplett überarbeitete B + Lizenz Ausbildung (ehemals DFB-Elite-Jugendlizenz)

Zu Beginn des Jahres startete die DFB-Akademie im Zuge der neuen Ausbildungsstruktur mit den komplett überarbeiteten Trainer*innen-Ausbildungen. Nach dreimonatiger Lehrzeit steht den Teilnehmer*innen des Pilotlehrgangs der B+ Lizenzen nun bereits der Abschluss bevor.

"Mit der B+ Lizenz bereiten wir die Trainer*innen ganz gezielt auf die leistungsbezogene Förderung von jungen Talenten an den DFB-Stützpunkten, in Leistungszentren oder in einem ambitionierten Fußballverein vor", erklärt DFB-Ausbilder Lennart Claussen.

Die Überarbeitung der Lehrgänge bringt für die B+ Lizenz-Ausbildung einiges an Veränderungen mit sich. Insgesamt 160 Lerneinheiten innerhalb von bis zu vier Monaten umfasst der neue Lehrgang im sogenannten Blended-Learning-Format. Aus den zuvor veranstalteten zwei Präsenzwochen mit anschließender Prüfung sind nun drei Präsenzphasen à vier Tagen geworden. Die Wochen dazwischen werden zur Onlinelehre und vor allem zur Anwendung des Gelernten im eigenen Verein genutzt.

"Das hat zum Vorteil, dass die Teilnehmenden zu Beginn der Präsenz bereits im Thema sind und der gemeinsame Austausch schneller und detaillierter erfolgen kann.", sagt Claussen.

"Über die Anwendung im Heimatverein können realitätsnahe Erfahrungen zu den Lehrgangsinhalten gesammelt werden, die dann in der nächsten Präsenzphase aufgegriffen und mit der Gruppe geteilt werden können."

"Auf komplexe künftige Aufgaben vorbereiten"

Entlang des "roten Fadens" des Trainer*innen-Entwicklungsmodells orientiert sich auch die B+ Ausbildung an den vier Bausteinen "Trainer*innen-Ich", "Spiel & Spieler*in", "System Fußball" und "Organisation". Dabei liegen die inhaltlichen Schwerpunkte des Lehrgangs auf den Themen "Rollenverständnis und Selbstbild als Förderer von Jugendfußballer*innen", "Planung und Steuerung von Spiel und Training mit Fokus auf individuelle Förderung und freie Spielanteile" sowie "Altersgerechtes und entwicklungsorientiertes Coaching von Jugendlichen".

"So wie die Trainer*innen ihre Spieler*innen in den Mittelpunkt allen Handelns stellen, so stellen wir die Teilnehmer*innen der Ausbildung in den Mittelpunkt", erklärt Claussen weiter. "Auf Basis desTrainer*innen-Entwicklungsmodells wollen wir die Trainer*innen, über die technisch-taktischen Anforderungen hinaus, auf die komplexen künftigen Aufgaben vorbereiten. Als Ausbilder bewerten wir in erster Linie nicht, was richtig und was falsch ist, sondern bieten den Trainer*innen aus der Rolle des Lernbegleiters verschiedene Perspektiven. Sie können, kombiniert mit ihren bisherigen Vorerfahrungen, ihren eigenen Stil finden und sich so im Sinne ihrer eigenen Trainer*innen-Persönlichkeit individuell weiterentwickeln. Bisher kommt das bei den Teilnehmer*innen sehr gut an."

Vorerfahrungen und Bildung sind zentral

Eine weitere Änderung zum vorherigen Lehrgangsformat sind die neuen Zulassungsvoraussetzungen. Um in den B+ Lehrgang aufgenommen zu werden, müssen die Teilnehmer*innen zunächst Trainertätigkeiten im entsprechenden Leistungs- und Altersbereich vorweisen. Der positive Einfluss von bisherigen Erfahrungen als Trainer*innen und Spieler*innen sowie relevanter Bildung ist für DFB-Ausbilder Claussen bereits deutlich erkennbar: "Der fachliche Austausch und die Diskussionsqualität innerhalb des Kurses ist noch einmal deutlich gestiegen."

Für die Präsenzzeiträume des Lehrgangs spielt auch die Lernatmosphäre eine wichtige Rolle. Darunter ist nicht nur die eigene Haltung sowie die Offenheit und Leistungsbereitschaft der Teilnehmer*innen zu verstehen, sondern auch die Rahmenbedingungen, unter anderem Unterkunft, Essen und Seminarräume. "Mit dem Standort des Badischen Fußballverbandes in Schöneck haben wir eine wunderbare Sportschule, die sehr stark daran beteiligt ist, dass dieser Kurs so gut läuft", erzählt Claussen. "Ich möchte mich, auch im Namen meiner Kollegen, für die tolle Zusammenarbeit bedanken."

Aber genau hier muss ich dazwischen grätschen. Warum?

Es gibt dafür zwei Gründe:

  1. Die Lehrgangsgebühr beträgt für die B+ Lizenz 1.900 €. Dazu kommen noch Kosten für Unterkunft, Verpflegung usw. in Höhe von ca. 2.000 €.
    (Quelle: dfb-akademie.de).
  2. Die schlechte Bezahlung der Trainer in den NLZ
    Der deutsche Fußball gehört zu den besten Nachwuchsbereichen in Europa. Ziel der Vereine ist es, junge Spieler für die eigene Profimannschaft auszubilden oder diese teurer weiter zu verkaufen. Dafür hat der FC Bayern zuletzt rund 70 Mio. Euro in den FC Bayern Campus investiert. Im August 2017 wurde das Nachwuchsleistungszentrum an der Ingolstädter Straße eröffnet. Seitdem werden dort täglich die größten Jugendtalente des deutschen Rekordmeisters trainiert und gefördert. Teilweise werden sogar hohe sechsstellige Geldbeträge für 16-Jährige Nachwuchstalente aus ganz Europa bezahlt.
    Im starken Missverhältnis dazu stehen die Gehälter der Trainer in den deutschen NLZs, wie „Sport Inside“ im WDR aufgedeckt hat. Konkret geht es darum, dass die meisten Trainer nur als Minijober auf maximal 450-Euro-Basis angestellt sind und dabei die Mindestlohnregelungen umgangen werden. Die Übungsleiter arbeiten mehr als sie gesetzlich dürften. Ein Co-Trainer des FC Augsburg berichtet, er habe im ersten Jahr 200€ und im zweiten Jahr 250€ monatlich verdient. Als Cheftrainer würde das Gehalt bei 400€ liegen - als Fulltimejob.
    (Quelle: tz.de)

Kommen wir zu Grund 1:
Was nützt die vermeintlich beste Ausbildung, wenn ich Sie mir als (junger und ambitionierter) Trainer schlicht und einfach nicht leisten kann? Meine Lösung klingt sicherlich „unsexy“ für Herrn Bierhoff und dem DFB: Der DFB/ die Bundesliga-Vereine machen den ambitionierten Kandidaten folgendes Angebot: Die Ausbildung ist kostenfrei, sofern die Trainer sich verpflichten, z.B. während der nächsten 5 Jahre nach Abschluss der Ausbildung, mindestens 3 Jahre in der Nachwuchsförderung zu arbeiten. Ansonsten gilt: anteilsmäßig den o.g. Betrag nachzubezahlen. Letztendlich gilt es doch, jedes Trainer-Talent, unabhängig seines Geldbeutels zu fördern, oder?

Kommen wir zu Grund 2:
Was nützt die vermeintlich beste Ausbildung, wenn ich als Trainer davon einfach nicht leben kann?

Wenn du jetzt glaubst, dass sich Nowak in Sachen FC Bayern München auskotzt, muss ich dich enttäuschen. Ich hatte eine wunderschöne und erfolgreiche Zeit beim FC Bayern München. Gewiss, mein Gehalt war bescheiden, aber ich gehörte nicht zu dem oben genannten Personenkreis. Dass es diesen Personenkreis gibt, ist 100 Prozent sicher. Dass dieser Personenkreis s e h r groß ist, ist ebenso zu 100 Prozent sicher…und deshalb muss hier schnellstmöglich gehandelt werden. Meine Lösung ist wieder einmal sehr einfach:

„Liebe Bundesliga-Vereine, zahlt Eure Trainer angemessen. Denn diese Trainer sind es letztlich, die Eure Bundesliga-Stars von morgen ausbilden. Sie müssen Euch tatsächlich etwas wert sein.“

Erst dann…wirklich erst dann fängt die Ausbildungs-Offensive des DFB zu fruchten. Denn jeder Trainer, der nicht von seinem „Trainer-Job“ leben kann, schaut nach den Fleischtöpfen, sprich in den U17 /U19 Bereich. Das heißt in der Praxis:

Gute Resultate vor guter Ausbildung! Die Trainerkollegen können sich nur durch vorderste Tabellenplätze ins Gespräch bringen. Die Trainerkollegen können also gar nicht an einen echten Erfolgstory in Sachen Talentförderung interessiert sein, sondern lediglich an ihrer eigenen Erfolgstory. Ich bin im ständigen Austausch mit diesen Trainerkollegen und ich verstehe sie sehr gut. Ich würde an ihrer Stelle nicht anders handeln. Wer dabei auf der Strecke bleibt oder sogar den Fußball ganz verloren gehen, sind unsere zahlreichen, aber körperlich schwächeren Bewegungstalente (Stichwort „relativer Alterseffekt“ sollte genügen). Nein, das wollen wir doch alle nicht, oder? Also: Ändern. Jetzt.

Wenn nicht jetzt, wann dann? - Teil 2