Fußballtraining mit schwachen Kindern
Der kleine dicke Paule

Ist Paule wirklich nur ein Maskottchen?

Der kleine dicke Paule spielt gerne Fußball, obwohl er dies eigentlich gar nicht kann.

Paule Maskottchen
©Hans-Jürgen Krahl-Fotolia.de

Geboren wurde er am 2. Oktober 2009 auf Soccerdrills in dem Artikel "Wie gewinne ich die goldene Ananas?" von André, einem langjährigen und immer noch aktiven User im Forum Trainertalk.de, dem der Kinderfußball mehr zu verdanken hat, als ihm bewusst ist.
Zwischenzeitlich wurde dieser Artikel oft kopiert und eingefügt und wir haben ihn auf Soccerpilot.com unter dem Titel "A Mickey Mouse Cup Chaser" veröffentlicht. Die Übersetzung übernahm ein weiterer Trainertalker, "Germancoach". Die "Fußballersprache" diskutierte er in internationalen Foren mit Muttersprachlern. Viele Trainer in den USA, Kanada und weiteren 137 Nationen hatten bisher ihren Spaß damit, viele wurden nachdenklich. Sogar auf den Malediven kennt man den kleinen dicken Paul. Dort kling es mit "the fat guy Paul" wesentlich brutaler.

Der kleine dicke Paule ist zum Pseudonym geworden, denn wie beschreibe ich die Kinder, die nicht so gut sind wie die Anderen, die "schwachen", die "talentfreien", die "unsportlichen" oder die "in der Entwicklung zurückgebliebenen" Kinder? So darf man sie nicht bezeichnen, denn es gibt keine "schwachen" Kinder.

Um es abzukürzen, der kleine dicke Paule vereint sie alle und wenn wir über ihn sprechen, weiß jeder wer gemeint ist. Der kleine dicke Paule muss also gar nicht "dick" sein, er ist eben ein "talentfreies" Kind. Klingt niedlicher und ist überhaupt nicht böse gemeint.

Die Kindertrainer In der ganzen Welt kennen den kleinen dicken Paule, denn jeder hat mindestens einen in seiner Kindermannschaft, manchmal sogar mehrere. Er ist oft ein Problem, weil er viele Übungen im Ablauf zerstört und oft für Niederlagen verantwortlich ist, falls er denn spielt. Im oben verlinkten Artikel spielt er im Tor, das ist oft sein Schicksal und meistens auch irgendwann das Ende seiner fußballerischen Karriere.

Offiziell existiert der kleine dicke Paule nicht

Offiziell existiert der kleine dicke Paule gar nicht, denn er wird in keiner Fachliteratur zum Kinderfußballtraining erwähnt. Der DFB kennt zwar Paule, aber nur als Maskottchen. Bei uns in Lübeck ist es mal bei einem Frauen-Länderspiel vom Zaun gekachelt. Passt zum kleinen dicken Paule, er macht sich oft lächerlich mit seinen motorischen Fähigkeiten. Auch Matthias Sammer kennt den kleinen dicken Paule nicht, er spielt keine Rolle in seinem Ausbildungskonzept. Sogar in der Trainerausbildung lernt man es nicht, wie man mit ihm umzugehen hat. Er wird im Fußball nicht benötigt, ist überflüssig und doch gibt es ihn.

Auf Soccerdrills wird der kleine dicke Paule zwar in einigen Artikeln erwähnt und oft denken wir bei der Entwicklung von Übungen darüber nach, aber wirklich berücksichtigt wird er bei uns (noch) nicht.

Die kleinen dicken Paules dieser Welt sind ein Problem für die Kindertrainer

Die kleinen dicken Paules dieser Welt sind ein Problem für die Kindertrainer. Ich kenne das natürlich auch, denn ich bin vielen dieser Kinder in meiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Kinder- und Jugendsport begegnet.

Und ja, ich gebe es zu! Manchmal habe ich mich klammheimlich gefreut, wenn der kleine dicke Paule ein Spiel absagte oder nicht zum Training erschien. Dann konnte man mal so richtig Gas geben, ohne Rücksicht auf Einsatzzeiten oder Schwierigkeitsgrade. Ich schäme mich deshalb, denn er kam immer wieder, mit seinem strahlenden Lächeln, den leuchten Augen und freute sich aufs Fußballspielen.

Was tun mit dem kleinen dicken Paule?

In vielen Fälle wäre es eine Lösung, offen und ehrlich mit den Eltern zu sprechen und ihnen deutlich zu sagen, dass es besser wäre, ihr Kind geht zum Schwimmen oder zum Turnen. Das kann man aber nur dann machen, wenn der kleine dicke Paule sich nicht wohlfühlt oder sogar von den anderen Kindern ignoriert wird. Jetzt hat er aber riesigen Spaß beim Fußball und wer möchte ein Kind seelisch so schwer verletzen?

Wohl dem, der einen Co-Trainer hat, dann kann man das Training in zwei Gruppen einteilen. In der einen Gruppe üben die Talente und in der anderen Gruppe die kleinen dicken Paules. Ist ja klar, der "Cheftrainer" kümmert sich dann meistens um die Talente, der Co um den "Rest" :-) Es ist aber eine Lösung und vielleicht die Einzige.

Nehmen wir als weiteres Beispiel unsere "Sticker für den Kinderfußball". Bei der Entwicklung kam die Frage von den Testern, wie der kleine dicke Paule an seine Sticker kommt? Kann ja nicht sein, dass alle Kinder ihr Album voll haben und er nicht. Die Lösung war relativ einfach, indem Sticker auch für Gruppenleistungen vergeben werden, oder der kleine dicke Paul einen Sticker bekommt, wenn er den Ball halbwegs trifft. Hier kann der Trainer bewusst das "Belohnungssystem" auf seine einzelnen Kinder anpassen.

Jetzt kann der Kindertrainer auch brutal auf Leistung setzen und den kleinen dicken Paul nach Hause schicken. Ich konnte das nie, obwohl es manchmal zum Wohle des Kindes vielleicht sogar besser gewesen wäre. Vorsicht: nicht jeder der in jungen Jahren der kleine dicke Paule ist, muss das zwangsläufig bleiben. Manchmal sieht es nur so aus und plötzlich machen diese Kinder einen riesigen Entwicklungssprung.

Das Problem erledigt sich oft von ganz allein, spätestens ab der C-Jugend verlässt der kleine dicke Paule frustriert den Fußball ................... aber das machen die Talente auch, allerdings meistens erst ab der B-Jugend.

Schade, vielleicht wäre der kleine dicke Paul Vereinspräsident geworden oder der größte Sponsor der Jugendabteilung. Wir sollten ihn pflegen, denn was bedeutet schon "talentfrei"?

Uwe Bluhm

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