Plädoyer für jegliche Qualifizierungsmaßnahmen und Selbstreflektion

Der Autor möchte anonym bleiben, ist uns aber bekannt

Ich bin seit fast 14 Jahren als Jugendtrainer in meinem Heimatverein tätig und sicherlich auch heute noch kein perfekter Trainer. Wenn ich aber an meine Anfänge oder genauer gesagt, an die ersten sechs bis acht Jahre denke, muss ich mich eigentlich schämen, was ich damals für ein Training angeboten und wie ich mich neben dem Platz verhalten habe. Daher möchte ich ein eindringliches Plädoyer für sämtliche Qualifizierungsmaßnahmen halten, die einem interessieren Jugendtrainer heute angeboten werden. Im Vergleich zu damals bin ich nach unzähligen Lehrgängen, Schulungen und Fortbildungen in Theorie und Praxis jetzt ein zehnmal besserer Trainer, trotz der Fehler, die mir auch heute noch unterlaufen.

Es kam vieles anders als gedacht – Zwischen Hoffnung und Realität

Plädoyer für jegliche Qualifizierungsmaßnahmen
©twobee-Fotolia.com

Ich bin eingestiegen bei einer D-Jugend (U13)-Dorfmannschaft im Alter von 20 Jahren als dritter Mann bei zwei meiner Kumpels, die schon länger Trainer waren. Wir hatten eine tolle Zeit, 19 nette Kinder, von denen ich heute noch mit ein paar befreundet bin, eine super Elternschaft und waren als Trainerteam auch privat ständig zusammen unterwegs. Aber was ist geblieben neben einigen Freundschaften mit den heute Mitte 20jährigen? Mit den Eltern von damals verstehe ich mich nach wie vor gut und auch mit meinen damaligen Trainerkollegen bin ich befreundet, wenn auch aus Zeitgründen nicht mehr ganz so eng. Aus Vereinssicht hingegen sieht es sehr traurig aus: Einer, der damals nicht mal zu den Auffälligsten gehörte, spielt heute in der ersten Mannschaft, zwei weitere in der zweiten Mannschaft, diese beiden tragen sich aber auch schon mit Gedanken ans Aufhören. Einer ist dauerverletzt, will es jetzt mal wieder probieren und noch einer ist zumindest noch im Vereinsumfeld tätig, wenn auch nicht sportlich. Die anderen 14 spielen nicht mehr Fußball und haben auch sonst mit dem Verein nichts mehr am Hut.

Spaß und Erfolg … trotz falscher Konzepte und Ausbildung von gestern

Was hat das nun mit Qualifizierungsmaßnahmen zu tun? Nun, so viel Spaß wir damals hatten, wir waren als Trainer eigentlich untragbar.

Zum einen sportlich: trainiert wurde der berühmte „reduzierte Erwachsenenfußball“. Eine Übung, die bei uns in der ersten Mannschaft toll lief, wurde eins zu eins ins Jugendtraining übernommen.

Das sparte ja auch viel Aufwand, in der Vorbereitung wurde im Wald ordentlich Kondition gebolzt, wir Trainer auf dem Fahrrad munter nebenher. Schlechte Leistungen zogen Straftrainings, gern mit Bleiweste, nach sich. Im Spiel freuten wir uns wie die Schneekönige, wenn wir gewannen, weil unsere beiden besten (einen Kopf größer als die meisten Gegenspieler) kurz vorm eigenen Sechzehner den Ball eroberten, vier Gegner stehen ließen, durchliefen und ein Tor nach dem anderen erzielten, während unsere anderen Spieler irgendwie als Staffage daneben standen.

Meisterschaft, trotz Schiedsrichter, Gegner und „schwacher“ Spieler im Team

Wenn der Gegner auch nicht ganz schlecht war, wurde die verbale Keule rausgeholt und auch mal 60 Minuten quer über den Platz gebrüllt. Schiedsrichter und 12jährige gegnerische Spieler wurden beschimpft. Auswechslungen kamen dann natürlich nicht in Frage, nicht dass wir noch verlieren würden. Am Ende wurden wir tatsächlich Meister (die bis heute einzige Meisterschaft meiner Trainerkarriere). Mann, was fühlten wir uns gut, wir waren die Allergrößten! Die anschließende Meisterfeier war legendär und ist heute noch regelmäßig Gesprächsthema.

Vorbilder die niemand braucht

Damit kommen wir zum zweiten Aspekt, der Vorbildfunktion und dem Verhalten außerhalb des Platzes: die Meisterfeier stieg bei einem Spieler zuhause, wo ein Stadl als passende Location vorhanden war. Alle Spieler samt Eltern waren da, der Alkohol floss in Strömen, als Höhepunkt tanzten wir Trainer leichtbekleidet mit ein paar Spielermamas zu den Klängen von „Hey Sexy Lady“. Das ganze bis frühmorgens um fünf und die Kinder mittendrin.

Und wenn die ganzen Erwachsenen sturzbetrunken sind, fällt es natürlich auch nicht unbedingt jemandem auf, wenn die Kinder meinen, den Alkohol auch mal probieren zu müssen. Gottseidank ist nicht mehr passiert, als dass wir einen Spieler aufgabeln mussten, der sich allein auf den Heimweg gemacht hatte. Auch vorher während der Saison konnten wir uns während der Spiele locker unterhalten, wo wir gestern waren, wie lange es ging und wer wie nachhause gekommen war. Am besten in Hörweite der Eltern, wir mussten uns ja auch ein bisschen profilieren. Auf dem Platz lief es ja eh, dafür hatten wir schließlich unsere beiden „Superstars“. Einer meiner beiden Kollegen litt auch regelmäßig an „Unterbier“, dem konnte natürlich nur durch eine frische Halbe auf der Trainerbank abgeholfen werden.

So lief das weiter, wir begleiteten unsere Schützlinge auch noch in die C-Jugend (U15), ehe wir sie in andere Hände, die vielleicht etwas anders, aber im Großen und Ganzen weiter „in unserem Sinne“ an der Entwicklung der Jungs arbeiteten, abgaben. So haben wir es als Verein geschafft, 14 hoffnungsvolle Nachwuchstalente entweder durch antiquierte sportliche Methoden zu vertreiben oder ihnen zu zeigen, dass es ja auch toll ist, jedes Wochenende mindestens zweimal auf diversen Festen richtig Gas zu geben, wobei der Fußball sich dann natürlich irgendwann als störend erwies.

Zeit für Veränderungen

Meine beiden Kollegen, die auch selber inzwischen nicht mehr bzw. nur noch sporadisch selbst spielten, hörten dann nach einigen Jahren als Trainer auf und ich war plötzlich der verantwortliche C-Jugend (U15)-Trainer. In dieser Zeit begann ich mich für Trainerfortbildungen zu interessieren, beginnend mit den Trainer-Info-Abenden an den DFB-Stützpunkten, die ich einige Zeit regelmäßig besuchte. Parallel machte ich mir auch Gedanken über meine Rolle als Vorbild, nahm z.B. an einer Veranstaltung des Kreisjugendrings zum Thema Alkohol teil. Seitdem opfere ich regelmäßig viel Zeit, um an diversen Schulungen in Theorie und Praxis teilzunehmen und bin seit knapp zwei Jahren auch stolzer Besitzer der C-Lizenz Breitensport, Profil Kinder und Jugendliche (die inzwischen auch schon wieder irgendwie anders heißt).

Nach den Jahren in der C-Jugend (U15) trainiere ich inzwischen die A-Jugend (U19) und versuche, die mir beigebrachten Methoden bestmöglich umzusetzen. Meine Trainingsübungen suche ich mir in den einschlägigen Internetportalen, Fachzeitschriften oder meiner selbst erstellten Kartothek, hin und wieder übernehme ich eine Übung aus dem Herrenbereich, in der A-Jugend ist das auch kein Problem.

Nur gelaufen wird auch ab und an, aber insgesamt sicher weniger als damals in der D-Jugend, im Sommer so gut wie gar nicht, im Winter eher, weil da die Plätze halt öfters nicht bespielbar sind. Fußball wird so gut es geht gespielt, nicht gebolzt, von hinten Durchlaufen ist in der A-Jugend (U19) ohnehin eher nicht mehr möglich. Wenn ein Gegner mit drei guten Leuten, von denen einer weit schießen kann und die anderen beiden groß, zweikampf- und schusstark sind, dann trotzdem gegen uns gewinnt, dann ärgert mich das, spornt mich aber auch an, meiner Mannschaft zu vermitteln, wie sie verhindern können, dass diese „Starspieler“ überhaupt ständig zu Aktionen kommen. Reinrufen gehört nach wie vor zu meinem Programm, aber nicht mehr dauerhaft und nur, um meine Spieler anzufeuern, oder um einem Spieler auf der anderen Spielfeldseite eine kurze, konkrete Hilfestellung zu geben, nicht um jemanden niederzumachen oder wie ein Puppenspieler den nächsten Spielzug vorzugeben.

Auch in älteren Jahrgängen – alle spielen mit

Zum Einsatz kommen immer alle Spieler, in jüngeren Jahrgängen würde ich sogar noch „mindestens eine Halbzeit für jeden“ befürworten, in der A-Jugend halte ich es nicht immer ganz ein, versuche aber schon, es wenn irgendwie möglich nicht weniger als 30 Minuten werden zu lassen. Ich bin guter Dinge, die Saison auf dem zweiten Tabellenplatz abzuschließen (für ganz oben wird es wohl nicht mehr reichen) und von meinem 18-Mann-Kader mindestens 17 auch in ein paar Jahren noch dem Ball nachjagen zu sehen.

Außerhalb des Platzes versuche ich ein Vorbild zu sein, vom Betreten des Sportgeländes bis nach dem Duschen gilt da auch eine Null-Toleranz-Regel. Da ich es in der A-Jugend (U19) aber mit jungen Erwachsenen zu tun habe, ist es für mich aber auch OK, wenn ein Spieler, der Geburtstag hatte, eine halbe Kiste Bier und etwas Antialkoholisches für die Autofahrer mitbringt und das nach dem Duschen noch gemeinsam getrunken wird. Die Jungs zum Alkoholkonsum ermuntern oder mit ihnen zusammen weggehen kommt aber nicht in Frage, hier wahre ich ganz bewusst Distanz.

Keine Zeit für Weiterbildung ist verschenkte Zeit

Lange Rede, kurzer Sinn: die meisten Vereine sind froh um jeden Trainer, ihr tut euch und eurem Verein aber keinen Gefallen, wenn ihr einfach „frei Schnauze“ Trainer macht. Bildet euch möglichst schnell fort, um sportlich ein vernünftiges Training anbieten zu können. Das erfordert etwas Zeitaufwand, aber die Angebote sind inzwischen absolut zahlreich und meist kostenlos vorhanden. Auch wenn eine Schulung vielleicht mal nicht so toll läuft, ein bisschen was kann man immer mitnehmen und vielleicht ist die nächste ja absolut der Burner. Auch Veranstaltungen zu außersportlichen Themen helfen immer weiter, wir übernehmen teilweise Erziehungsaufgaben, für die die meisten von uns einfach nicht ausgebildet sind.

Vieles lernt man dadurch, dass man dieselben Fehler nicht nochmals macht, im Laufe der Jahre auch von selbst. Investiert aber lieber zu Beginn eurer Trainerlaufbahn zum Wohle eures Vereins und der euch anvertrauten Kinder etwas mehr Zeit und macht euch Gedanken über eure Rolle als Vorbild, als dass ihr euch wie ich später über vergeudete Jahre ärgern müsst! Und traut euch, eure Erfahrungen weiterzugeben, ausgebildete Trainer müssen auch als Multiplikatoren in ihren Vereinen wirken!

Bücher zum Thema:
Ausbildungskonzepte
Wir bedanken uns für die Einladung und gratulieren dem Turniersieger
Wenn schon, dann richtig! … denn Halbgas können andere machen.

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