Modernes Torwarttraining im Fußball

Was ein Torwart alles beherrschen sollte

Das ein Torwart heute mehr leisten muss als Gegentore zu verhindern, damit haben wir uns bereits im Artikel "Der Torwart ist der Spielmacher" auseinandergesetzt.

Torwarttraining
© RTimages/shutterstock.com

Wir sollten dabei aber nicht vergessen, dass ein Torwart in erster Linie seine besondere Funktion auf dem Feld wahrnehmen muss. Ein spielender Torhüter ist eben nicht alles, denn er hat gegenüber den anderen Spielern auf dem Feld einen riesigen Vorteil: er darf seine Hände nutzen, um den Ball zu kontrollieren und abzuwehren. Ein gezieltes und modernes Torwarttraining kann nur erfolgreich sein, wenn der Trainer das Anforderungsprofil an einen Torhüter kennt.

Anforderungsprofil an einen guten Torwart

Beinarbeit und Handeinsatz
Die wichtigste Funktion eines Torhüters ist das Abwehren von Torschüssen, natürlich auch Kopfbälle. Dazu nutzt er nicht nur seine Hände, auch eine gute Beinarbeit ist erforderlich. Er kann es aber auch verhindern, dass es zu Torschüssen kommt, wenn er sich vielleicht einige Zeit vorher am Spiel beteiligt hat.

Ballkontrolle
Er sollte flache, halbhohe und hohe Bälle auch ohne Einsatz der Hände kontrollieren können.

Passspiel
Das Passspiel stellt einen Torhüter vor keinerlei Probleme, natürlich beidbeinig. Dies erlernt er nur schwer mit reinem Torwarttraining, er muss ins Mannschafttraining integriert werden.

Abstöße und Abwürfe
Der flache und hohe Abschlag muss beherrscht werden, ebenso das Abrollen und Abwerfen des Balles. Die Zeiten in denen ein Feldspieler den flachen Abschlag übernimmt sind vorbei, denn dieser Spieler fehlt im Feld ans Anspielstation.

Fangen und Flugeinlagen
Fangen sollte er natürlich können, Springen, Fausten und Hechten sind zusätzliche Torwarttechniken. Hierzu gehören auch das Abfangen von Flanken und das Klären von Eckbällen. Leider nutzen viele Torhüter diese Eigenschaften u.a. zu tollen Hechteinlagen für die Zuschauer. Der moderne Torwart hat das nicht nötig, er weiß was er kann und muss sich nicht beweisen. Durch ein gutes Stellungsspiel den Ball leicht abzuwehren ist immer wichtiger, als ein irrer Hechtsprung.

Beweglichkeit und Sprungkraft
Beweglich sollte ein Torhüter sein, über eine enorme Sprungkraft verfügen und sich durchsetzen können, dazu gehört eine starke Physis.

Reflexe
Ein Torwart mit schwachen Reflexen wird nie ein guter Torwart. Schnelles, angepasstes Reagieren auf Spielsituationen ist nicht nur eine Frage des Trainings oder der angeborenen Eigenschaften, auch Spielpraxis und die dadurch wachsende Routine fördern diese Merkmale.

Abwehrchef
Der Torwart ist der Chef der Hintermannschaft. Kommunizieren und das dazugehörige Dirigieren sind wichtige Aufgaben.

Teambuilding

Der elfte Feldspieler
Ein Torwart spielt mit und klebt nicht an der Linie. Insofern muss er sein Stellungsspiel dem Spielgeschehen anpassen. Er bietet sich zum Passspiel an und erläuft Pässe in die Schnittstellen seiner Abwehr. Der Torhüter ist der moderne Libero und spielt mit, auch wenn das Spiel dadurch risikoreicher wird. Er leitet den Angriff ein und muss bei Ballverlust schnell umschalten können, wie jeder Feldspieler.

Stellungsspiel
Beim Stellungsspiel hat ein Torwart immer die optimale Absicherung des Tores im Auge. Dazu gehört eine sehr gute Orientierungsfähigkeit, ein wichtiger Baustein im Koordinationstraining. Nicht nur deshalb ist Koordinationstraining für den Torhüter genauso wichtig wie für einen Feldspieler. Ein einfaches Koordinationstraining kannst du dir hier anschauen: Feeling oder mit Partner: Paarübung bzw. Allgemeine Ballkoordination mit Partner

Antizipation
Antizipieren sollte ein Torwart können, ein Spiel lesen. Das geht nur über Spielpraxis und deshalb muss er taktisch so gut ausgebildet sein, wie seine Mannschaftskameraden.

Zweikampf
Ein Torwart ist auch Zweikampfstark und sollte im 1:1 gut geschult sein. Den Vorteil seine Hände einsetzen zu dürfen, muss ein Torwart ausnutzen.

Konzentration
Auch wenn ein Torhüter bei Überlegenheit seines Teams selten oder nie gefordert wird, muss er jederzeit bereit sein eine gegnerische Aktion zu unterbinden. Er darf nie abschalten.

Fokussierung und Führungsspieler
Ein Torwart ist immer ein Führungsspieler und wird vom Team akzeptiert. Durch seinen immensen Siegeswillen und seine Fokussierung auf das Spielgeschehen, genießt er das Vertrauen seiner Mannschaft. Die großen Torhüter dieser Welt haben eins gemeinsam: sie sind immer konzentriert, ihre Körpersprache und ihr Durchsetzungsvermögen mit der Stimme beeindrucken Team und Gegner. Nicht zuletzt deshalb gelten Torhüter meisten als ein bisschen "verrückt".

Fazit

Sauerzapf/Görtz fassten die Anforderungen an den Torwart im ARD-Bericht "Die neue Generation der Torhüter" so zusammen:
Moderne Torhüter brauchen die Reaktionen der "Jugend", die Erfahrung der "Alten", die geeigneten körperlichen Voraussetzungen und die technischen Fähigkeiten eines guten Fußballers.

Frühes gezieltes Torwarttraining ist ein Fehler

Was können wir aus der Auflistung der Anforderungen an einen Torwart lernen? Trainieren wir zu früh die spezifischen Eigenschaften, wird aus einem Kind oder Jugendlichen nie ein guter Torwart. Bei wirklich gutem Torwarttraining kann das durchaus so nicht zutreffen, aber ein Torspieler wird ein Torwart nur dann, wenn er auch lange Zeit ständig im Feld eingesetzt wird.

Ein gezieltes und alleiniges Torwarttraining sollte nicht vor der U12/U13 beginnen. Deshalb muss im Kinderfußball eine Rotation auf der Torwartposition stattfinden, denn niemand weiß, ob ein Achtjähriger auch noch nach zwei oder mehr Jahren gerne im Tor steht. Auf der anderen Seite kann sich das Interesse an der Torwartposition erst später entwickeln und dies geht nur, wenn das Kind auch als Torwart eingesetzt wird. "Rotation" ist das Zauberwort in der Torwartausbildung und wird meistens unterschätzt oder fällt der Ergebnisorientierung zum Opfer. Nur Kinder, die absolut nicht Torwart sein wollen, sollten nicht dazu gezwungen werden.

Angst und Unlust sind immer schlecht, aber es kommt oft darauf an, wie der Trainer die Torwartposition "verkauft".

Die neue Trainergeneration

Warum läuft das noch so oft falsch?

Machen wir uns nichts vor, es geht meistens ums Ergebnis und wir stellen den Spieler ins Tor, der dafür am besten geeignet ist. Deshalb ist es aber nicht richtig und es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken etwas zu verändern.

Außerdem ist es einfacher einen Torwart spezifisch auszubilden, denn die Anforderungen an das moderne Torwarttraining sind sehr komplex. Ein Torwart ist ein Allroundspieler und das macht das Training so schwierig. Nicht nur der Trainer oder Co-Trainer trainieren die Torhüter denn es ist wichtig, dass der Torhüter sich mit "richtigen" Spielern auseinandersetzen muss, bedeutet viel Training im Mannschaftsverbund. Das individuelle Training hat nach wie vor eine große Bedeutung, aber das moderne Torwarttraining ist wesentlich vielfältiger und umfangreicher geworden.

Uwe Bluhm

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