Kreativität gibt es nur im „Wir“

Die neue Art von Kreativität im heutigen Fußball

Autor: Matthias Nowak, Life Kinetik Premium Coach, Kreativ- u. Techniktrainer FC Bayern München (Frauen)

Im heutigen Zeitalter des „standardisierten und aggressivem Spiels“ braucht es kreative Spieler auf jeder Position.

Was genau verstehen wir unter einem kreativen Fußball?
Ist Kreativität überhaupt trainierbar -und wenn ja - wie?

Der ehemalige deutsche Weltklassespieler und heute anerkannte Fußballexperte und Unternehmer Günther Netzer spricht gerne von fehlender Kreativität im Spiel, wenn er von einem Spiel gelangweilt ist.

Rückblick

Matthias Nowak
Matthias Nowak - Quelle: fcb-ff.de

Wir alle lieben die Kreativität der brasilianischen Sambafußballer von 1970 und geraten ins Schwärmen, wenn wir an die deutsche Nationalmannschaft von 1972 oder die holländische Nationalmannschaft von 1974 mit „Fußball-Total“ denken.

Pele, der wohl populärste und beliebteste Fußballer der Welt, genannt der „Fußball-König“, ist der Inbegriff der kreativen, „schöpferischen“ Auslegung dieses Sports. Sein Spiel war entspannt, improvisiert und leicht. Seine Spielweise folgte keinem bestimmten Handlungsmuster, sondern war das Ergebnis von einem Flow, geprägt von einer Spielfreude…von purer Kreativität. Diese Art von Kreativität war Kunst und gehört der Vergangenheit an.

Situation Heute

Wer wissen will, wie sich der Fußball verändert hat, braucht sich nur die Parameter Raum und Zeit vor Augen zu führen. Als Pele, Netzer und Cruyff die Spielfelder beherrschten waren Ballkontaktzeiten (also die Zeitspanne zwischen Ballannahme und Abspiel eines einzelnen Spielers) sicherlich im zweistelligen Sekundenbereich. Heutzutage, bei aggressiven Gegnerdruck, braucht es Bestwerte zwischen 0,8 -1,1 sec um im „Geschäft“ zu bleiben. Um dieses Anforderungsprofil heute gerecht zu werden, braucht es „more performance“ in den technischen Fähigkeiten der Spieler am und mit dem Ball und eine neue Form von Kreativität… einem kollektiven Rhythmus von Kreativität…

Diese neue Art von Kreativität ist trainierbar, und das gilt für alle Spieler. Das Paradoxe daran:

Spieler brauchen heutzutage ein regelmäßiges und systematisches Kreativtraining, damit sie überhaupt kreativ werden können!

Kreativtraining, so wie ich es verstehe, setzt auf folgende Prinzipien:

• Prinzip des Körpercoaching und der Crunchtime-Coaching
• Prinzip der Handlungsschnelligkeit
• Prinzip der Stressreduktion
• Prinzip der Synergie-Andockpunkte
• Prinzip der Stimulanz
• Prinzip der Entspannung
• Prinzip der Balance
• Prinzip der visuellen Wahrnehmung
• Prinzip der Nachhaltigkeit
• Prinzip des persönlichkeitsorientiertem Training

Einige Prinzipien sind bekannt - diese werde ich nur kurz anreißen - und einige weniger oder überhaupt nicht - diese Prinzipien werde ich ausführlicher erörtern.

Prinzip des Körpercoaching und Crunch Time Coaching

Die Basis für Kreativfußball ist ein optimales Körpergefühl. Kreativität beginnt in den Füßen und braucht ein großes Portfolio an Bewegungsmuster.

Durch dieses große Portfolio an Bewegungsmuster soll ein „eigener Prozess“ bei den Spielern ausgelöst werden und das Ziel verfolgen, dass eigene optimale Körpergefühl zu entwickeln. Durch das eigene optimale Körpergefühl kommt es zur verbesserten Technik.

Mein Crunch Time Coaching beinhaltet das ständige Verändern von Spielformen unter dem Aspekt von Zeit und Raum. Hier wird das neue „Können“ der Spieler unter massivsten Stress-Situationen für den Spieltag ständig gereizt. Durch diesen „echten Transfer“ für das heutige Spiel geht das Kreativtraining deutlich weiter als das weltberühmte Coerver Coaching.

Prinzip der Stimulanz / Prinzip der Entspannung

„The brain runs on fun“. Spaß-Training fördert eine mutige und angriffslustige Mentalität. Das Prinzip der Entspannung nennt Faktoren, welches Umfeld die Kreativität fördert:

• Komplexität der Spielposition
• Positive Mitspieler
• anti-autoritärer Führungsstil vom Headcoach
• „helfender Kreativtrainer“
• kreative Konkurrenz (motivierende Herausforderung)

Weitere Faktoren beeinflussen das Ergebnis entscheidend: Die Vereinskultur, das Vereinsumfeld, der Mannschaftskader. Denken Sie im Zusammenhang mit dem Prinzip der Entspannung an Spieler wie Messi und Klose und deren sehr unterschiedlichen Leistungen bei ihren Vereinen und bei der Nationalmannschaft....

Prinzip der Balance und der Nachhaltigkeit

Dem Wissen um die Balance zwischen kreativen Spiel und exzellentem Kampfgeist wird mit dem regelmäßigen Technik/Kreativtraining besonders Rechnung getragen. Durch das o.g. Crunch-Time-Coaching wird dieses sichergestellt.

„Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich es. Wenn ich zwei Tage nicht übe, merkt es das Team, wenn ich drei Tage nicht übe, merkt es das Publikum. ( Air Jordan)

Nachhaltigkeit soll sicherstellen, dass gesetzte Impulse langfristig in der Mannschaft Früchte tragen.

Prinzip der Handlungsschnelligkeit / der Stressreduktion / der visuellen Wahrnehmung / der Synergie-Andockpunkte

Diese Prinzipien sind dafür verantwortlich, dass Kreativität auch auf dem Spielfeld sichtbar wird.

Meine Frage an Sie: Werden Siege auf hohem Spielniveau im Kopf entschieden?

Bevor Sie darauf antworten - eine andere Frage: Fußball ist ein hochemotionales Spiel (deswegen lieben wir es ja so!) - also, wie genau definieren sie in diesem Zusammenhang Kopf?

Auf die Ausgangsfrage zurückkommend lautet meine Antwort. Ja - weil der Kopf wichtig ist -und nein - wenn wir den Kopf nur auf das Denken reduzieren. Und genau hier setze ich mit den oben genannten Prinzipien an.

Schauen wir uns die Möglichkeiten fußballerischer Handlungsalternativen in Spielsituationen an, um zu begreifen, warum „denken“ allein nicht ausreicht. Die einzelnen Phasen einer typischen Handlung:

a) Abwägen und Entscheiden von Handlungsalternativen

b) Planen der gewählten Handlung

c) Ausführen der Handlung

d) Bewerten des Handlungsergebnisses

Handlungsschnelligkeit

Kreativfußball erfordert Fußballer, die in der Lage sind, viele Handlungsalternativen in kürzester Zeit auf ihre Durchführbarkeit hin zu analysieren um dann schnellstens zu entscheiden, welche der Alternativen die Richtige ist.

Entscheidend ist dabei: Je mehr Informationen der Spieler im Vorfeld dieser Entscheidung durch seine Wahrnehmung zur Verfügung hat, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass seine Entscheidung richtig ist.

Stressreduktion

So weit der rationale Aspekt. Aber Fußball ist wie gesagt ein hochemotionales Spiel. Jeder Spieler hat einen individuellen „inneren Stresspegel“. Mentale Belastbarkeit und ausreichend Schutz vor oxydativem Stress spielen daher eine entscheidende Rolle, wenn es um Bestleistungen geht. Stress erzeugt Handlungsverzögerung, falsche Entscheidungen und unpräzise Aktionen. Mit Hilfe einer nichtinvasiven Screeningmethode lässt sich der Stresspegel messen. Meine Hauptaufgabe besteht darin, diesen Stresspegel zu minimieren. Mein ganzheitliches Konzept ermöglicht es den Spielern, über einen reduzierten Stresspegel ihr volles Leistungspotenzial konstant abzurufen.

Der Dipl.-Psych. Dr. Stefan Raadts bestätigt: „Die neuere Forschung zur Persönlichkeit junger Fußballtalente zeigt, dass insbesondere die Befähigung zur Affektkontrolle ein Schlüssel zum Erfolg ist.“

Das Kreativtraining befähigt also die Spieler, in kürzester Zeit kreativ zu sein, die richtigen Entscheidungen zu treffen und richtig auszuführen.

Das Ziel ist also die maximale Steigerung der qualitativen Leistungsmerkmale (Handlungsschnelligkeit, Handlungsgenauigkeit und Handlungsrichtigkeit) unter Berücksichtigung der Stressreduktion.

Prinzip der Synergie-Andockpunkte

Durch wechselseitige Lernprozesse können die Spieler ihr kreatives Potential gegenseitig hervorlocken, erweitern und entfalten. Die Frage - wer mit wem - am meisten Kreativität hervorruft - ist eine der interessantesten Entwicklungen beim Kreativtraining.

Ich bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig hinsichtlich meiner Aussage: „Alle Spieler brauchen Kreativtraining.“ Warum? Weil ich ihnen etwas (und jetzt zum Ende des Artikel fällt es mir leichter) gestehen muss: Auch ich habe jahrelang geglaubt, dass nur bestimmte Spieler individuelles Kreativtraining brauchen. Jetzt weiß ich, dass Kreativität und Schnelligkeit im Spiel heute nur im Kollektiv trainiert werden kann. Schließlich erleben wir kreatives Spiel auch nur bei gemeinsamen Aktionen.

Für ein gutes Passspiel und die korrekte Antizipation braucht es einen kollektiven Rhythmus und kein individuelles schnelles Vorgehen. Erfolgreiche Mannschaften brauchen weniger die herausragenden Individualisten als vielmehr unterschiedliche profilierte Egos, die sich in der Mannschaft synergetisch ergänzen. Mein Lieblingsbeispiel ist hierfür der FC Barcelona trotz und gerade wegen eines Messis.

Prinzip des „Persönlichkeitsorientiertem Training“

Die Idee stammt von Dr. Stefan Raadts. Es handelt sich dabei um die Bereitstellung einer Plattform außerhalb des Spielfeldes. Die Spieler haben hier einen „Raum“ für außersportliche Dinge und Themen wie Angst, Druck und Frustration. Diese „andere Art“ der Beziehungsbildung zwischen Trainer und Spieler stellt natürlich erhöhte Ansprüche an die pädagogischen Möglichkeiten des Trainers. Dr. Stefan Raadts: „Es geht nicht nur um den rein sportlichen Vorteil der Persönlichkeitsorientiertem Training, sondern auch um die effektive Bekämpfung von Burnout und Depression von stresslabilen Spielern.“

Fazit: Dieses ganzheitliche Kreativtraining ist vielleicht die wirkungsvollste Innovation für den heutigen Hochgeschwindigkeitsfußball. Günther Netzer kann also geholfen werden.

Fragen zum Artikel? Kontakt: mn66@hotmail.de

Quellenverweis: Burow O.A. (2000). Ich bin gut – wir sind besser. Erfolgsmodelle kreativer Gruppen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Burow O.A. (1999). Die Individualisierungsfalle. Kreativität gibt es nur im Plural. Stuttgart: Klett-Cotta.
Cummings A. & Oldham G.R. (1998). Wo Kreativität am besten gedeiht. In: Havard Business manager 4
Stefan Raadts, Affektregulation und Handlungsschnelligkeit

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