Der Psychologie-Mythos vom Angstgegner
Von MARCO HEIBEL
Roger Federer verlor in seiner Karriere ungewöhnlich häufig gegen den auf dem Papier schwächeren Guillermo Canas (ARG). Bayer Leverkusen hat seit knapp 20 Jahren nicht mehr bei Bayern München gewonnen. In solchen Fällen ist oft vom „Angstgegner“ die Rede. Erfahrt hier, was ihn ausmacht und wie man ihn wieder los wird. Wie bekommt man einen Angstgegner? Es ist ja nicht so, dass es an der Tür klingelt und sich jemand als neuer Angstgegner vorstellt. Vielmehr handelt es sich um einen schleichenden Prozess.
Angstgegner oder nicht – der Sportler entscheidet selbst
Sportpsychologe Jens Heuer erklärt: „Eine oder mehrere Niederlagen bzw. ein so genanntes wiederholtes ‘Versagen‘ können dazu führen, dass man meint, gegen den Gegner XY nicht gewinnen zu können. Ob es jedoch überhaupt so weit kommt, entscheidet der Sportler selbst. Werden diese Niederlagen richtig analysiert, geht man in der Regel völlig unbelastet in die nächste Begegnung.“ Doch selbst wenn sich so etwas wie die Angst vor einem Gegner breit gemacht hat, kann man noch reagieren. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten. Als der FC Bayern am 26. November 1983 beim 1. FC Kaiserslautern antrat, hatten die Münchener fast ein Jahrzehnt nicht mehr auf dem Betzenberg gewonnen. Auch hier machte der Begriff „Angstgegner“ die Runde. Also griffen die Bayern zu einem kleinen Trick: Statt, wie sonst üblich gegen die roten Lauterer in Weiß anzutreten, spielten die Bayern im gelben Trikot und mit blauer Hose – und gewannen mit 1:0. Experte Jens Heuer erläutert die Wirksamkeit solcher Maßnahmen: „Manchmal kann es schon ausreichen, Kleinigkeiten im Ablauf zu verändern, um den Glauben an die eigene Handlungswirksamkeit wiederzuerlangen. Doch es gibt noch viele andere Parameter, die den Ausschlag geben können. Wenn sich etwa ein Sportler immer wieder seine Stärken ins Bewusstsein ruft oder eine Mannschaft sich klar macht, dass sie eigentlich die größeren Qualitäten besitzt als der Gegner und eigentlich nur ihr Denken sie einschränkt, kann dies genauso zum Erfolg führen.“ Letzteres etwa würde auf Roger Federer zutreffen – sofern dieser Guillermo Canas überhaupt als Angstgegner wahrnimmt und nicht längst schon die Gründe für seine (wenigen) Niederlagen an bestimmten Dingen festmachen konnte.
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